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Salzburger Manifest
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Salzburger Manifest

Salzburger Manifest

des Europäischen Kolpingwerkes

Neue Chancen für Menschenwürde, Familie und Frieden in Europa

das Kolpingwerk wirkt mit

Am Ende des zweiten Jahrtausends steht Europa vor neuen und großen Herausforderungen. Die Nachkriegszeit ist mit dem Jahr 1989 zu Ende gegangen; Europa ist auf der Suche nach neuen und tragfähigen Strukturen einer Zusammenarbeit in Gerechtigkeit und Frieden. Das Jahr 1989 signalisiert für Europa eine Wende: Die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Ansätze und Leitlinien des Marxismus-Leninismus sind zusammengebrochen; Machtblöcke, die sich über 40 Jahre feindlich gegenüberstanden, lösen sich auf. Die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit, das Pochen auf ihre Menschenwürde, ihr Einsatz für die Einhaltung der Menschenrechte waren zentrale Ausgangspositionen für eine weitgehend friedliche Revolution in Mittel- und Osteuropa mit den daraus folgenden tiefgreifenden politischen Veränderungen für Europa und die Welt.

Die Entwicklung gerade in Mittel- und Osteuropa zeigt jedoch, daß mit dem politischen Umbruch und den im folgenden Veränderungen noch keineswegs Friede und Gerechtigkeit und die Beachtung von Menschenwürde und Menschenrechten zur selbstverständlichen Richtschnur politischen Handelns geworden sind. Tatsächlich ist der Krieg als Mittel der Politik nach Europa zurückgekehrt; zugleich bedrängen große wirtschaftliche Probleme die Menschen und Völker und brechen zudem vielfach neue nationalistische Tendenzen durch.

Angesichts solcher Herausforderungen ist die Suche nach tragfähigen geistigen und strukturellen Voraussetzungen für den Aufbau einer neuen, stabilen politischen Ordnung in Europa und das menschliche Zusammenleben in Frieden und Freiheit besonders dringlich. Alle Menschen und gesellschaftlichen Kräfte sind aufgefordert, hierzu ihren Beitrag zu leisten.

Das Kolpingwerk Europa ist gewillt,

*          an einem Europa mitzubauen, in dem die Menschenwürde gesichert ist und die Menschenrechte beachtet werden,
*          ein Europa zu unterstützen, in dem die Familie als Grundzelle der Gesellschaft gefördert und Solidarität praktiziert wird,
*          in einem Europa zu wirken, in dem Demokratie gelebt, Gerechtigkeit verwirklicht und Friede gestiftet und gesichert werden.

Menschenrechte und Demokratie

Grundlage für ein menschliches Zusammenleben in Freiheit und Frieden ist die Beachtung der jedem Menschen natürlich zukommende Würde und der darin begründeten Rechte. Die in der Europäischen Konvention für Menschenrechte und Grundfreiheiten zusammengefaßten Rechte sind die entscheidende Grundlage für eine demokratische Gesellschaft. Der Europarat hat sich seit seiner Gründung als Organ zur Verteidigung dieser Grundrechte bewährt; ihm kommt daher auch die wichtige Aufgabe zu, auch in den neuen Mitgliedsstaaten für die Durchsetzung der Menschenrechte und Grundfreiheiten Sorge zu tragen sowie die Verteidigung der Würde der menschlichen Person durch neue Konventionen und durch die Beschreibung von Gruppenrechten - beispielsweise für Minderheiten - zu sichern.

Trotz der erreichten Erfolge bei der Sicherung der Menschenrechte wird in ganz Europa ein elementares Menschenrecht zunehmend bedroht, nämlich das Recht auf Leben. Gerade das Leben in seiner schwächsten Phase - am Beginn und am Ende - ist einer besonderen Bedrohung ausgesetzt: Abtreibung und Euthanasie sind in verschiedenen Ländern gesetzlich erlaubt. Dies ist eine „frontale Bedrohung der gesamten Kultur der Menschenrechte“ (Evangelium vitae 18). Zentrale Gründe für diese Entwicklung sind ein zunehmender Individualismus sowie die Trennung von Rechten und Pflichten des einzelnen. Als Sozialwesen ist der Mensch jedoch auf den anderen angewiesen; mit unveräußerlichen Rechten sind auch Pflichten mit gleicher Qualität unwiderruflich gekoppelt.

Das gilt vor allem für die Demokratie, die auf das aktive Engagement ihrer Bürger für das Gemeinwohl angewiesen ist. Wenn einzelne ihre Rechtsansprüche zu Lasten der solidarischen Gemeinschaft überziehen, bedeutet dies eine Gefährdung von Grundwerten einer demokratischen Ordnung wie Eigenverantwortung, Mitbestimmung, Mitgestaltung und Mitverantwortung. Ein nachlassendes Engagement der Bürger oder von gesellschaftlichen Gruppen für das Gemeinwohl, eine wachsende Politikverdrossenheit und ein damit einhergehendes Schwinden des politischen Engagements gefährden eine demokratische Ordnung. Unzweifelhaft ist diese aber die Regierungsform, die Menschenrechte am nachhaltigsten zu sichern und den Frieden zwischen den Völkern am ehesten zu wahren vermag. Es wird daher darauf ankommen, in allen demokratischen Gesellschaften das Bewußtsein für ein festes, die Alltagsentscheidungen begründendes Wertesystem zu stärken. Die Förderung eines christlichen Ethos in der Tradition des christlichen Abendlandes ist dazu ein geeignetes Mittel.

Familie und Solidarität

Werte und Wertvorstellungen von Menschen werden entscheidend geprägt und grundgelegt in der Familie. Die Familie ist die Grundzelle jeder menschlichen Gesellschaft. Trotz des geschichtlichen Wandels bleibt als grundlegendes Wesensmerkmal jedes Familienverständnisses das Zusammenleben von Eltern mit ihren Kindern erhalten. Die Familie bedarf einer besonderen Sicherung und Förderung; Gesellschaft trägt Mitverantwortung dafür, daß sich Familien entfalten können und nicht durch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck in ihrem Bestand und Zusammenarbeit gefährdet werden. Stabile Familien können in besonders erfolgreicher Weise Wertvorstellungen an die nachwachsende Generation weitergeben und soziales Verhalten einüben. Gerade in der Familie kann sich der Mensch als Person mit Rechten und Pflichten erfahren und soziale Verantwortung erlernen, die in Form der sozialen Liebe auch soziale Gerechtigkeit mitbegründet. Menschen erleben Familie als Solidargemeinschaft und erfahren Bedeutung und Notwendigkeit von Solidarität im Sinne einer ständigen Bereitschaft und festen Entschlossenheit, sich für das Wohl der gesamten Familie als Gemeinschaft einzusetzen.

In der Familie eingeübte Verhaltensweisen - gerade auch praktizierte Solidarität - sind offen für soziales Verhalten über die Familie hinaus. Familie vermag in ihre Solidarität die Menschen in der Nachbarschaft, am Ort, im eigenen Land, ja in der ganzen Welt in gestufter Weise mit einzuschließen. Die gegenwärtigen Klagen über mangelnde Solidarität, über das Nachlassen solidarischen Verhaltens der Menschen sind letztlich ein Beweis für die Krise von Familie. Familie wird vielfach in ihrem Bestand und in ihrem Zusammenhalt angefochten. Dies zeigt sich auch darin, daß Gesellschaft, aber auch der einzelne, einerseits immer mehr Erwartungen an die Familie richten, andererseits aber immer weniger bereit sind, einen gerechten Familienleistungsausgleich zu schaffen und die Familien in ihrer Verantwortung und Aufgabe zu unterstützen. Der Mangel an notwendigen Familienhilfen trifft insbesondere Familien, die durch die Aufnahme und Sorge für kranke und alte Familienangehörige besondere Lasten zu tragen haben, und die unvollständigen Familien, in denen nur ein Erwachsener für die Erziehung von Kindern verantwortlich ist.

Gerechtigkeit und Friede

Europa kann auf eine fast fünfzigjährige Zeit des Nichtkrieges zurückblicken. Nach den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges suchten die Völker Europas nach Wegen und Möglichkeiten zum Aufbau einer Friedensordnung. Zumindest im Westen Europas ist es gelungen, Formen der politischen Zusammenarbeit zu entwickeln, die bei Beachtung der Menschenrechte zu einem gerechten sozialen Ausgleich zwischen den Regionen und Ländern führten, Wohlstand vermehrten und Frieden sicherer machten.

Nach der politischen Wende des Jahres 1989 zeigte sich jedoch, daß sich in den ehemals kommunistischen Ländern Europas ein großes Konfliktpotential zwischen Völkern und Volksgruppen, zwischen den Mitgliedern verschiedener Kulturen und Religionen aufgestaut hatte. Es kam und kommt zu regionalen Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die durchaus den Keim für globale Konflikte in sich tragen können.

Vor diesem Hintergrund ist Europa gefordert, nach neuen, auch Mittel- und Osteuropa mit umfassenden geistigen Inhalten und Strukturen einer Friedensordnung zu suchen und diese zu realisieren. Beim Aufbau einer solchen Friedensordnung müssen die kulturelle und religiöse Vielfalt in Europa als Grundlage betrachtet und die allzu großen wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Ost- und Westeuropa abgebaut werden. Religiöse und kulturelle Minderheiten bedürfen des besonderen Schutzes.

Friede und Gerechtigkeit sind jedoch nicht nur im Verhältnis zwischen den Völkern und Staaten gefordert. Friede und Gerechtigkeit sind auch notwendige Gestaltungselemente einer jeden Gesellschaft. Adolph Kolping hat sich in besonderer Weise für soziale Gerechtigkeit, für die Familie und für die Förderung des sozialen Friedens in der Arbeitswelt eingesetzt. Die Arbeitswelt steht heute - wiederum - vor ganz neuen Herausforderungen. Nicht allein der wachsende internationale Austausch von Waren und Dienstleistungen, sondern auch der schnelle technologische Wandel, der zu sozialen Ungerechtigkeiten führen kann, stellen die Arbeitswelt vor neue Aufgaben.

So wächst in vielen europäischen Ländern die Zahl der Erwerbslosen. Neue Wege der Organisation von Erwerbsarbeit sind zu prüfen, neue Möglichkeiten zur Schaffung von Erwerbsplätzen sind zu finden. Zu einer Bedrohung des sozialen Friedens wird zunehmend auch die Änderung der altersmäßigen Zusammensetzung der Bevölkerung. Einer immer kleineren Zahl von Menschen im arbeitsfähigen Alter steht eine wachsende Zahl von älteren Menschen gegenüber. Ein gerechter Ausgleich und eine gerechte Lastenverteilung zwischen den Generationen sind neue gesellschaftspolitische Aufgaben zur notwendigen Stiftung und Sicherung sozialer Gerechtigkeit und damit auch des Friedens in Europa.

 

Ausblick

Die in Salzburg versammelten Vertreter des Kolpingwerkes in den europäischen Ländern sehen ihre Verantwortung, an der Lösung aktueller Probleme mitzuwirken und an einer neuen europäischen Friedensordnung mitzubauen. Gerechtigkeit und Friede, Menschenrechte und Demokratie, Familie und Solidarität sind unverzichtbare Grundwerte für jede Ordnung menschlichen Zusammenlebens. Diese Grundwerte sind auch unverzichtbare Bausteine für eine europäische Friedensordnung, die bei aller Unterschiedlichkeit der Kulturen und Religionen in Europa gemeinsamer Grundwerte bedarf.

Das europäische Kolpingwerk wird immer wieder auf die unverzichtbare Bedeutung und Funktion von Grundwerten hinweisen und durch Initiativen des Verbandes auf allen Ebenen das Bewußtsein für die Notwendigkeit dieser Werte stärken, konkrete Initiativen zu ihrer Umsetzung starten und an einem Europa in Frieden und Freiheit mitbauen. Die Mitglieder des Kolpingwerkes Europa sind sich bewußt, daß sie im und durch den Verband mit eigenen Bausteinen an diesem Europa mitbauen müssen.

*          Das Kolpingwerk Europa tritt ein für die unveräußerliche Würde des Menschen und die darin begründeten und damit jeder Rechtsordnung vorgelagerten Menschenrechte. Für das Kolpingwerk ergibt sich aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen eine wesentliche zusätzliche Absicherung der Menschenwürde. Die Bindung an Gott hindert den Menschen an der Versuchung, sich selbst zum absoluten Maßstab einer menschlichen Ordnung zu machen, was letztlich immer zu menschenverachtenden Systemen geführt hat. Das Kolpingwerk sieht daher eine besondere Aufgabe auch darin, den Menschen den Sinn des Lebens zu erschließen und ihren Blick auf Gott hin zu öffnen.

*          Das Kolpingwerk Europa setzt sich auf allen Ebenen für die Erhaltung und Entfaltung menschlichen Lebens ein und unternimmt besondere Initiativen für Menschen in besonders gefährdeten Lebenssituationen.

*          Das Kolpingwerk Europa verpflichtet sich in besonderer Weise zur Förderung der Familie, und zwar vor allem Familien mit besonderen Belastungen, wie Familien mit mehreren Kindern oder unvollständige Familien. Das Kolpingwerk Europa wird seine Bemühungen verstärken, einerseits im Rahmen der familienhaften Gemeinschaft des Kolpingwerkes die Familien zu stützen und zu stabilisieren, und andererseits gezielt weitere Institutionen zur Stärkung und Förderung der Familie aufzubauen.

*          Das Kolpingwerk Europa sieht seine Verantwortung für Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen und wird sich bemühen, Solidarität in der eigenen familienhaften Gemeinschaft zu pflegen und zu praktizieren. Dabei ist sich das Kolpingwerk Europa bewußt, daß unsere Solidarität auch Menschen außerhalb Europas mit einbeziehen muß und daß der Gedanke eines unteilbaren internationalen Gemeinwohls mehr und mehr zur Richtschnur unseres gesellschaftlichen und politischen Handelns werden muß.

*          Das Kolpingwerk Europa sieht aufgrund seiner Geschichte eine besondere Aufgabe im Bereich der Arbeitswelt. Gerade angesichts des schnellen technologischen Wandels sieht das Kolpingwerk eine Aufgabe im Bereich der beruflichen Bildung, vor allem für solche Gruppen, die in üblichen Berufsausbildungssystemen vernachlässigt werden. Gleichzeitig wird das Kolpingwerk auch verstärkt Initiativen ergreifen, um Gerechtigkeit und Solidarität auch in der Arbeitswelt mehr zu verwirklichen.

*          Das Kolpingwerk Europa setzt sich ein für eine demokratische Grundordnung und wird durch Bildung und Aktion seine Mitglieder ermutigen und befähigen, aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens teilzunehmen. Vor allem sieht es eine Aufgabe im Ausbau und der Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung.

*          Das Kolpingwerk Europa tritt ein für den Auf- und Ausbau einer europäischen Friedensordnung. Es wird die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg verstärken, den Jugendaustausch ausbauen und im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv in den europäischen Gemeinschaftsorganen mitarbeiten.

Salzburg, am 19. Mai 1996